Der Seelenwagen als quadriga rationalis bei Marsilio Ficino

Thomas Leinkauf

Veröffentlicht in: Vom Seelengefährt zum Glorienleib
Jahr: 2018
DOI: 10.17171/3-57-6
Shortlink: edition-topoi.org/articles/details/1457
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Abstract

Der Beitrag wendet sich dem Konzept des Seelenwagens bei Ficino zu. Auf der Grundlage einer Darstellung der Lehre vom ochema in der Entwicklung von Platon bis Proklos werden differenziert die Bedeutungen interpretiert, die diese Metapher im Werk Ficinos übernehmen kann. Der Text stellt zunächst die weit verbreitete Bedeutung des ochemas dar als eines Kontakt- und Transaktions-raumes zwischen zwei unterschiedlichen Seinsbereichen, d.h. zwischen der unstofflich-intelligiblen Seele und ihrem stofflichen Körper sowie dessen Vollzügen. In dieser Funktion besitzt das ochema bereits eine multifunktionale Position als Medium von Tätigkeiten, die aus dem Intelligiblen in das Stoffliche vermittelt werden. Im Anschluss daran wird im Text Ficinos singulärer Gebrauch der Metapher vom Seelengefährt als einem vierspännigen Streitwagen untersucht, der den seelischen Möglichkeitsraum der Verschränkung von geistiger Selbstentfaltung mit geistigem Selbstbezug versinnbildlichen soll. Damit verschiebt sich die Bedeutung des Konzeptes vom ochema von der biologisch-kosmologischen Perspektive auf eine mental-intellektuelle und gewinnt in der neuplatonischen Seelenlehre einen neuen Aspekt hinzu. Das ochema dient in diesem Fall nämlich dazu, das Vermögen der Vernunftseele zu Selbstrealisierung und reflexiver Einheit in seiner Breite und Tiefe sowie die sich dabei entwickelnde Spannung der metaphysischen Bewegungen von Entfaltung und Rückwendung auch topologisch-dynamisch zu veranschaulichen.

Autoren

Thomas Leinkauf

Thomas Leinkauf studierte in Freiburg und München Philosophie, Kunstgeschichte und Geschichte. 1982 erfolgte die Dissertation Kunst und Reflexion. Untersuchungen zum Verhältnis Philipp Otto Runges zur philosophischen Tradition in Freiburg. 1991 folgte die Habilitationsschrift Mundus combinatus. Studien zur Struktur der barocken Naturphilosophie und Universalwissenschaft am Beispiel Athanasius Kirchers SJ (1602–1680) an der Freien Universität Berlin. Seit 1996 ist er Professor für Philosophie an der Universität Münster und Direktor der dortigen Leibniz-Forschungsstelle. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. die Spätantike, die Philosophie der Renaissance und der frühen Neuzeit, Leibniz und der Idealismus. Von ihm liegen Publikationen u. a. zu Francesco Patrizi, zu F. W. J. Schelling und eine Einführung zu Nicolaus Cusanus vor. Zuletzt ist erschienen: Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350–1600). Hamburg, 2017, 2 Bde.


Citation

Thomas Leinkauf, "Der Seelenwagen als quadriga rationalis bei Marsilio Ficino", in: Verena Olejniczak Lobsien, Bernd Roling, Lutz Bergemann and Bettina Bohle (Eds.), Vom Seelengefährt zum Glorienleib. Formen aitherischer Leiblichkeit, Berlin: Edition Topoi, 2018, 139–161
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